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So schnell stirbt sich’s nicht
Eine Kurzgeschichte von Anja Liedtke
So schnell stirbt sich’s nicht, pflegte meine Großmutter zu sagen. Sie überlebte zwei Weltkriege, Hunger, die Geburt ihres Kindes, die Umweltzerstörung und das Fernsehprogramm, den zunehmenden Autoverkehr und den abnehmenden Geschlechtsverkehr… Sie wurde hundert Jahre alt. So schnell stirbt sich’s nicht, pflegte meine Großmutter zu sagen, sage ich, grinsend in den Wind, der meine Haare in die Augen bläst und die Worte in den Mund zurückstopft. Meine Großmutter irrte sich, sage ich und zeige meine zweiten Zähne. Wem? Dem Wind. Nur dem Wind. Ich trete vom Felsen herunter auf das Schneebrett. Unter mir schätzungsweise hundert Meter freier Fall. Das dürfte reichen. Seit Wochen suche ich solch eine Stelle. Alle anderen habe ich verworfen. Zu unsicher. Bis auf diese. Das Schneebrett wächst täglich, solange der Winter währt. Aber hier oben hält sich der Schnee lange. Der Wind besorgt es ihm. Nordseite. Dennoch: Täglich kann die Schneeschmelze einsetzen. Aber auch dann bleibt mir noch Zeit. Tagelang. Keine Sonne… Sonnenseite. Ich schaue auf. Hinweg über das unüberwindliche, tiefe Tal, hinauf auf die von der Sonne beschienenen Berge auf der anderen Seite. Sie recken ihre zerklüfteten, grauen Felsenbäuche der Wärme entgegen, um sich trocknen zu lassen. Rinnsale von Schmelzwasser glitzern in den Scharten und Falten. Ihnen bleiben noch vier Stunden. Danach geht auch für sie dort die Sonne unter, und was dann nicht trocken ist, trocknet nicht mehr. Bis zum Morgen nicht mehr. Dann lassen sie sich wieder bescheinen, die Rinnsale fließen weiter. Ins Tal. Sie ziehen mich an, die von der Sonne beschienenen Bäuche auf der anderen Seite. Ich trete einen Schritt vor. Das Schneebrett hält mein Gewicht, das täglich abnimmt. Noch 46 Kilo. Am Mittag des 1. Januar. So schnell stirbt sich’s nicht. Meine Großmutter irrte sich doch nicht, denke ich zerknirscht, geschlagen, gedemütigt. Ich steh immer noch hier. Einen Schritt vorgehen. Mein Blick fällt von der Sonnenseite herunter. Hundert Meter. Gletscherwasser tropft vom Schneebrett unter meinen Füßen ins Felsenkar. Bildet ein Rinnsal auch hier, aber glanzlos ohne Sonne. Das ewige Wasser. So schnell stirbt sich’s nicht. Eine schwarze Bergdohle schreckt mich auf, indem sie unweit von mir landet, ihre roten Füße kratzen auf dem Eis, so nahe ist sie, dass ich ihren gelben Schnabel und ihre glitzernden Augen erkenne. Sie sieht mich als ein Wesen, das hier nichts zu suchen hat. Irritiert von den glitzernden Augen der Dohle, sehe ich mich um, wende mich um, trete vom Schneebrett herunter auf den felsigen, grauen Klettersteig. Mein Blick bleibt an den einzigen grellen Farben zwischen all dem Grau und Weiß hängen, am Rot der Markierungen. Zeichen für mich. Damit ich den Weg ins Tal zurückfinde. Meine Augen irren zwischen dem roten Zeichen und den glitzernden Augen der Bergdohle hin und her. Ohne vernünftigen Grund atme ich auf, fühle die eiskalte, frische Bergluft in die Bronchien dringen, sie blähen und erweitern, spüre warmes Blut durch die erweiterten Kapillare fließen, fühle mich bewegen, leben und lächeln. So schnell stirbt sich’s nicht.
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