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Die kurze Mandelblüte in Spanien 1936

Der Madison Mann

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Die kurze Mandelblüte in Spanien 1936

oder

Die Wirtschaftskrise

Ein Fragment zum Roman „Stern über Europa“

 

„… Die Mitgliedschaft schützt mich ein wenig vor der Willkür der Betriebsleitung, Vater. Aber das Wichtigste: mit Hilfe der CNT kann ich mich sowohl beruflich als auch politisch weiterbilden. Ich lerne besser zu schreiben und zu reden und mit den Kollegen auszukommen. Außerdem ist es die einzig sinnvolle Gemeinschaft, die man in der Stadt findet. In einen Fußballclub will ich nicht. Das kommt mir so überflüssig vor: sich bewegen und hungrig werden nur zum Spaß! Und es kostet Geld. In der Stadt kostet überhaupt alles Geld. Bei der CNT bekomme ich wenigstens etwas dafür: nämlich Bildung, ein wenig Schutz vor der Betriebsleitung und nette Gespräche. Wir treffen uns nach Betriebsschluss in der Café-Bar. Die Kollegen geben mir, dem Neuen, manchmal einen Rioja aus. Sie sagen übrigens, sie wissen, warum du, Vater, auf dem Land keine neuen Maschinen und Ersatzteile bekommst. Unser Monsignore Monte investiert jetzt viel lieber in die städtischen Fabriken. Er sackt sich deine Ernte ein, schlägt Kapital daraus, das er hier investiert, um das Doppelte abzukassieren, anstatt wieder bei dir zu investieren. Die verarbeiteten Güter bringen nämlich mehr ein, weil die menschliche Arbeit, die Verfahren und Maschinen mehr kosten als das Land. Dabei kann doch gar nichts wertvoller sein als das Land und wir, oder Vater?

Das grundsätzliche Problem, sagen meine Camereros, ist aber, dass die Wirtschaft die Politik regiert und auch unser Erziehungs- und Schulsystem, Vater. In der Schule lässt uns Monsignore Monte nur beibringen, was der Wirtschaft nutzt, und der Regierung droht er, eben nicht in Katalonien zu investieren, sondern in Marokko. Die Wirtschaft bestimmt also unser Denken und Handeln, Vater! Nicht das Land und nicht die Regierung! Geld regiert die Welt, heißt es, nicht wahr? Geld ist unser neuer Gott. Unser Monsignore Monte hat ihn schon vor ganz langer Zeit heimlich ausgetauscht. Da Geld genauso unberechenbar und abstrakt ist wie Gott, fällt es uns ja traditionell nicht schwer, daran zu glauben. Im Zentrum unseres Handelns steht also das Geld. Ich habe den Camareros von dir erzählt, Vater, dass du mich immer ermahnt hast, im Zentrum unseres Handelns sollen der Mensch und das Land stehen. Sie haben ihre Gläser auf dich gehoben und klingen lassen. Ja, haben sie gesagt, die Alten kennen noch eine andere Tradition außer dem Glauben an Gott und Geld. Es gäbe eine Zeit, da hättet ihr gemeinsam gearbeitet für das, was ihr brauchtet. Statt wie jetzt jeder für sich allein und für das Geld. Und weil ihr damals für das gearbeitet habt, was ihr gebraucht habt, habt ihr euer Geld auch nicht für Schnaps verprasst. Hier erzählt ja jedes Schild, was lecker ist. Na, ich schweife ab.

Jedenfalls meinen die Camareros, wir sollten uns alle zusammensetzten, wir Städter und ihr auf dem Land und alle Berufe und auch die Frauen, und wir sollen darüber streiten, was wir wirklich brauchen und was nicht. Was also sind unsere Grundbedürfnisse, und was sind unsere Grundwerte? Danach sollten wir handeln, produzieren, arbeiten und kaufen.

Die Grundbedürfnisse sollten gedeckt sein, damit jeder in einem Gefühl der Sicherheit und Sattheit lebt. Sonst ruft so mancher nach der starken Hand. (Es heißt schon, Primo de Reviera will eine Diktatur errichten, wenn sich der Klerus und der Adel endgültig diskreditiert hätten. Eine demokratische Regierung würde es niemals schaffen, unseren Karren aus dem Dreck zu ziehen, wohinein ihn der Klerus gefahren hat.)

Aber mit der Deckung der Grundbedürfnisse dürfen wir uns nicht zufrieden geben, danach dürfen wir uns die Politik nicht aus den Händen nehmen lassen. Dann greifen die Wirtschaft und die politischen Karrieristen wieder danach. Und wir begeben uns dann wieder in deren Hände. Sie beruhigen uns, indem sie uns Futter und Flitter hinwerfen. Das funktioniert, solange die Mehrheit versorgt ist. Wir stechen uns ja gegenseitig aus und sagen den Armen: na ja, ein paar fallen eben durchs Netz. Seid ja oft selbst schuld. Das kapitalistische System funktioniert gut. Wir haben keine Zeit uns um die Politik zu kümmern. Wir arbeiten, um zu kaufen, in einer Krise sollen wir kaufen, um unsere Arbeit zu behalten, und ob wir arbeiten oder kaufen, an beidem gewinnt die Wirtschaft. Wir aber geben immer nur weg: unsere Arbeit, unsere Kraft, unsere Luft, unser Land, unser Wasser, unsere Solidarität. Und wir merken es nicht einmal. Wir glauben immer zu gewinnen, manchmal schaffen sie es sogar uns glauben zu machen, sie schenken uns Arbeit oder billige Produkte oder Werbegeschenke oder Rabatte. Das System ist fast perfekt, Papa, ist das nicht faszinierend?

 

Kannst du mir überhaupt noch folgen, Papa? Das System ist kompliziert. Das ist Absicht. So wird’s nicht so leicht durchschaut. Aber wenn man es durchschaut hat, ist es so faszinierend wie die Regeln beim Kartenspiel.

 

Jetzt muss ich mich entscheiden, Papa. Soll ich mein Fachwissen der Regeln nutzen, um den Lotteriegewinn zu kassieren eines Tages? Oder soll ich statt mit Karten zu spielen für den Menschen arbeiten, wie du verlangst, und wie meine Camareros wollen?

Sie sagen, das solidarische und moralische Leben wären nicht schlechter: wir würden die Arbeitszeit herabsetzen, um die Arbeit und deren Gewinn an mehr Leute zu verteilen. Dafür würden wir mehr Politik machen. Mehr nachdenken, was wir tun, verantwortlicher und eigenverantwortlicher handeln. Dadurch werden wir freier für uns selbst und für andere zu handeln.

Vater, ich muss jetzt weiter arbeiten. José stößt mich an, ich habe die Sirene gar nicht gehört.

 

Alles Liebe, Papa, Dein Andres

 

 

Der Brief zitterte. Von Weitem war nicht zu erkennen, ob vom Windstoß, der auch den Staub und die Mandelblütenblätter zum Fliegen brachte oder von des Vaters zitternden Händen. Georgios Hände zitterten nicht vor Rührung über den allzu lang erwarteten Brief, sondern vor Schwäche und Hunger.

Es war die Zeit der Mandelblüte gewesen, als Andres gegangen war. Nun blühten die Bäume wieder und erst jetzt hatte sein Herr Sohn es für nötig befunden zu schreiben. So schlecht funktionierte die Post auf dem Lande nun auch wieder nicht, wenn auch alle öffentlichen Einrichtungen zu wünschen übrig ließen, an denen Monsignore Monte nicht wenigstens mittelbar Interesse oder Gewinn hatte, nicht nur die Schulen, wie Andres geschrieben hatte.

Sicher, Georgio durchschaute den Stolz des Sohnes, der einen Umschlag voller Peseta schicken wollte oder gar nichts. Aber dafür ließ man den Vater nicht so lange warten. Wie viel passiert war seit der letzten Mandelblüte – eigentlich gar nichts. Der verrottete Traktor stand an derselben Stelle, Georgio wartete wieder auf die Früchte der wenigen verbliebenen Mandelbäume, die einzigen, die genug zu fressen hatten, waren die Pferde und die Stiere des Monsignore. Georgio dachte daran, wie er bei ihrer Fütterung eine Handvoll gepresstes Fischmehl ins eigene Maul gestopft hatte. Getrockneter Fisch, nichts anderes, woanders eine Spezialität. Wenn er mit der Mästung der Tiere fertig war, blieb wenig Zeit und wenig Acker, um zu säen und zu ernten, was er und sein Dorf selbst verspeisen konnten. Georgio stand auf, stapfte am Rande der Viehweide entlang, stach hier und da eine Handvoll wilden Spargel, der seine Köpfchen über Georgios zerschnittenen Handrücken hängen ließ; schnitt junge Löwenzahnblätter zum Salat und sah im Geiste Getreide statt Gras zwischen den Hufen wachsen und die schweren Hufe der Rinder und Pferde schrumpften zu zarten Ziegenhufen. Ziegen vertrugen sich besser mit dem kargen Land. Und Ziegen könnte man jetzt melken, Käse könnte rollen, Milch fließen Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Ein Rind konnten sie nur ein einziges mal schlachten, und dann durften sie es im Dorf nicht einmal selbst essen. Die Rinder waren zu schade, es war rentabler sie zu verkaufen. Nur wanderte die Rendite in Montes Tasche. Schlimmer noch, die besten Tiere päppelten sie zu nichts anderem auf, als dass sie in der Arena von Bilbao angestochen wurden. In Georgios Ohren tosten der Beifall und die Schreie des Publikums. Nichts von den Tieren wurde verwertet als das Ohr, das der Torero bekam. – Obwohl Georgio selber gerne Torero geworden wäre. Wer sich in Gefahr begab, der wurde bewundert. Wie unsinnig der Kampf auch war. - Oder war es schon wieder das Ohrensausen, das den Schwindel ankündigte? Vorsichtshalber ließ sich Georgio am Feldrand nieder.

Selbst wenn er jetzt einen Acker geschenkt bekäme, er könnte ihn doch nicht mehr bestellen. Er war zu schwach geworden.

Beschämt erinnerte er sich an Gestern, wie er in der Taperia beim Zeitunglesen einfach hintenüber gefallen war vor Schwäche.

Die Tapastheke war lange schon leer. Er war nicht der einzige im Dorf, der hungerte. Angefangen hatte es harmlos mit einem knurrenden Magen. Das Gefühl kannte er. Es hatte sich bei der Feldarbeit regelmäßig eine Stunde vor dem Mittagsmahl eingestellt. Oft hatte er nicht warten können, bis der Reis der Paella weich war.

Die Kinder im Dorf vergaßen diese ersten Anzeichen des Hungers beim Spielen und in der Erwartung auf baldiges Essen. Georgio aber wusste, dieses Mal gäbe es nichts mehr zu Mittag. Nichts zum Abend, nichts zum Frühstück. Die Kinder fingen an zu schreien. Die Mägen wurden sauer und verkrampften sich. Sie zogen sich zusammen und verkleinerten sich. Würde man jetzt etwas hineingeben, spieen sie es gleich wieder aus.

Noch einmal trat ein Knurren auf, dann war endgültig Ruhe in den Gedärmen. Sie hatten sich damit abgefunden, dass es nichts mehr gab und zehrten ab jetzt von sich selbst und den umliegenden Organen.

Georgio lauschte in seinen Körper hinein, glaubte zu fühlen, wie seine Muskeln schrumpften und schmolzen. Die Knie wurden dünn, begannen zu zittern und knickten eines Tages unvermittelt ein.

Die Kinder hatten keine Lust mehr in den Gassen und auf den Staubwegen zu rennen, zu springen, zu spielen. Sie hockten in der Gosse und starrten vor sich hin und sahen nicht mehr auf, wenn der Alte vorüberging. Wenn eines aufstand und über die Beine der anderen stolperte, dann fauchten die und fletschten die Zähne. Straßenköter wurden sie, wenn niemand Zeit und Kraft besaß soziale Wesen aus ihnen zu machen. Sie lernten nicht weniger als früher, sondern etwas anderes: Stehlen und Kämpfen statt Geben und Lieben. Sein Sohn hatte recht: Die Grundbedürfnisse mussten gedeckt sein. Und dazu musste ein Mindestmaß an Fürsorge, an Bildung, an Aufmerksamkeit, an Kultur gehören. Die Verantwortung und die Erziehung der Kinder durfte nicht in die Hände der Wirtschaft, nicht in die Hände der Kirche gegeben werden. In niemandes Hände durfte sie gelangen, die etwas anderes in den Mittelpunkt ihres Handelns stellten, als diese Kinder selbst.

Das hatten sie bisher getan. Denn wie anders war zu erklären, dass seine Generation und die seines Sohnes nicht wussten, wie man zusammen und füreinander arbeitete und lebte, wie man sein Handeln selbst verantwortete und bestimmte? Heute war es doch so, dass man sich schämte für das, was man anderen antat. Aber man wusste es nicht besser.

Das System schien es zu verlangen. Georgio dachte an den Verwalter Montes, dem es augenscheinlich peinlich gewesen war, die Leute im Dorf zu entlassen. Er hatte sich getröstet mit dem Erfolg, den das für den Betrieb bedeutete. Und mit dem Ansehen, dass er und seine Familie jetzt unter seinesgleichen genossen. Und mit dem Handschlag vom Monte.

Der Monte war weit weg. Er musste nicht extra wegschauen, wenn er die Obdachlosen erblickte, wie sein Verwalter. Mit den Frauen war es besser. Sie versteckten sich vor den Blicken der Bürger. Sie sah man selten zechen oder betteln. Bis zu ihrem Tode sah man ihnen oft nicht an, dass sie obdachlos waren. Die längste Zeit kamen sie bei Freunden und Verwandten unter. Der Verwalter wusste nicht, wo sie danach blieben. Irgendwann waren sie einfach verschwunden. Aus den Augen aus dem Sinn.

 

Er konnte nicht ewig hier sitzen, dachte Georgio. – Warum eigentlich nicht, meinte er dann trotzig gegen das Leben. Was täte es, wenn er stürbe?

Wenn er es noch nicht getan hatte, dann nur, um den anderen nicht die ganze Arbeit liegen zu lassen, ihnen über die schweren Zeiten hinweg zu helfen, die nicht enden wollten. Wo sie doch nichts gelernt hatten. Aber bis sein Sohn gelernt hätte, würde er nicht mehr aushalten können. Und wozu? Nach ihm die Sinnflut.

Georgio wartete auf die Freiheit und auf den Tod. Er würde nehmen, was zuerst käme.

 

Blütenblätter schwebten wie Schneeflocken in die schwarzen Furchen der Astgabeln, auf Georgios erdbraune Haut und auf den gerissenen Lehmboden. Über die ausgedörrte Erde fegte der Wind und wehte die wenigen Samenkörner mit sich fort. Außer den wenigen Mandeln und Orangen hielt kein Baum mehr den Samen auf, seit Adel und Klerus ganz Spanien roden ließen, um das Holz zu verbauen, zu verkaufen, zu verbrennen ohne nachzupflanzen. Georgio hatte einmal laut gesagt, das sei ein unwiederbringlicher Schaden. Man lachte über ihn. Heute suchte selbst der Monsignore erfolglos und verzweifelt Schatten und Schutz vor der scheinbar immer heißer werdenden Sonne, wenn er einmal hinaus musste.

 

In früheren Jahren fielen zur gleichen Zeit wie die Mandelblüten auch die schon schwarz verfaulten Orangen von den Bäumen, die nicht ordentlich abgeerntet worden waren. Doch in diesem Jahr hing bereits nach Weihnachten nicht eine einzige Frucht mehr am Baum. Bis in die höchsten und dünnsten Zweige hinein waren die Kinder geklettert und hatten sich gegenseitig im Kampf um das Obst heruntergestoßen. Dabei hatten die Bäume manches Laub und manche Äste eingebüßt. Wie abgerissene Arme staken die Stümpfe hell und Harz blutend in die Luft. Hundegebell und Blütenduft wehten darüber. Georgio vermisste das Aroma der Pinien und das Dröhnen und Knattern der Mofas, das in den engen Gassen widergehallt hatte. Die Jungen hätten den Sprit gesoffen, gäbe es noch welchen, dachte Georgio und stand wieder auf und legte das letzte Stück Weg von den Weiden zu den festen Wegen des Dorfes zurück. Seine Sohlen knallten und widerhallten nicht mehr in den Gassen, die Nachbarn hörten allenfalls ein leises Schlurfen über den glatten Kopfstein und den Kiesel der Eselstreppe.

 

Als sie das staubige, schwarze, dünne Bein des Alten auf die Stufe der Taperia und durch den Fliegenvorhang treten sahen, da sagte einer: „Wir müssten brachliegen wie der Boden eigentlich eine Brache bräuchte.“

„Zu viele Menschen, das ist das Problem.“

„Was willst du? Krieg oder eine Seuche, um uns auszurotten?“

„Nicht nötig, wir sterben schon Hungers“, sagte Ricardo.

„Wir alle wissen, was getan werden muss.“ Georgio war am Tresen angekommen.

„Nichts kannst du tun. Die verbliebenen Felder sind ausgelaugt. Selbst wenn Monte uns noch mehr Dünger schicken würde. Es ist aus. Der Boden ist tot.“

Ricardo entgegnete: „Das Vieh muss weg. Es darf nicht länger den Boden übersäuern und muss dem Getreideanbau Platz machen. Dann bauen wir wieder Mischkulturen wie früher. Dann kann sich Monsignore seinen teuren Dünger sonst wohin.“

„Sag ihm das! – Und wie willst du die Städter ernähren? Oder willst du die verrecken lassen?“

Georgio sagte: „Ich will, dass keiner auf der Strecke bleibt.“ Er trat vom Tresen weg, wo es nur noch Brunnenwasser zum Trinken gab.

„Wie willst du das anstellen?“

„Mein Weg soll nicht über Leichen gehen“, sagte Georgio und stieß die staubverklebte Glastür zur Sonne auf. Die anderen schwiegen. Georgio hatte so einen komischen

Klang in der Stimme. Wie der Monsignore schon lange nicht mehr. Besoffen konnte Georgio nicht sein. Höchstens vom Hunger. Hunger hatte schon Jesus von Nazareth, Johanna von Orleans und Mahatma Gandhi zu Propheten gemacht. Hunger backt Visionen. Aber vielleicht sah Georgio auch schon den Tod.