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Der Madison-Mann
Eine Kurzgeschichte von Anja Liedtke
94 °Fahrenheit, 9:00 Uhr am Morgen zeigte die Digitalanzeige knapp unter dem Dach eines der Wolkenkratzer an, die im Verlauf der Straßenschlucht kleiner werden müssten. Alex kam aber von Norden, von Harlem her, und ging und schaute nach Süden, und dort wuchsen die Hochhäuser, je weiter sie sich der Wall Street näherten. Alex sah auf die Schaufenster auf der linken Seite der Madison Avenue, lief aber auf der rechten, der Schattenseite. Auf den Fenstern der linken gleißte die Sonne. Ohnehin vermittelte die Madison den Eindruck, als müsse man auf der anderen Straßenseite geboren worden sein, um dorthin zu gelangen. Polizisten wachten darüber, dass sich kein Fußgänger zwischen den Fahrzeugen hindurchschlängelte. Alex hielt sich auf der rechten Seite, dicht unter den Hausfassaden, damit der Schatten bis über ihren Kopf reichte. Ab und an sah sie sich um, ob jemand hinter ihr ging, wenn nicht, hob sie einen Arm und schaute unter ihre Achsel. Der feuchte dunkle Fleck auf dem Kleid war klein, nur zu sehen, wenn sie den Arm hob. Sie ließ ihn fallen, presste die Arme an den Körper. Stob eine Windböe durch die Häuserschlucht, hob sie beide Ellenbogen. Dabei drehte sie den Kopf, und wenn jemand schaute, legte sie die Arme an. Sie sprang von der Hauswand weg, wenn sich unter ihr einer jener Schächte öffnete, die die Hitze der Klimaanlagen ausströmten, welche im Inneren der Häuser für polare Temperaturen sorgten. Sie trat kurz in ein Geschäft ein, ging zwischen den Kleiderständern entlang, um sich eine Gänsehaut zu holen und eine Lungenfüllung kühle Luft. Die Sonne stand fast senkrecht. Wenige Menschen liefen auf der Straße. Trotzdem war es laut. Alle Einwohner von Manhattan hatten sich von den Straßen entfernt und waren in ihre fahrenden Kühlschränke gestiegen. Um jedes Auto waberte eine Hitzeaura, jedes Auto, das anhielt, verströmte einen Strahl heiße Luft gegen Alex‘ nackte Beine, wenn sie in ihrer Flucht vor Klimaanlagenschächten dem Bordstein zu nahe kam. Ihr Gesicht verspannte sich. Tränen traten in ihre Augen. Zorn verzog ihre Züge, wenn einer der Wagen seine Hitze gegen sie stieß. Zuletzt warf sie den Autos verzweifelte, traurige, bittende Blicke zu. Vor allem jenen, die an den Ampeln neben ihr hielten. Die Insassen hinter den getönten Scheiben sah Alex nicht. Plötzlich, auf der Höhe des Central Parks Süd, auf der Höhe des Museums of Modern Design, dort, wo die Häuser alt und weiß standen, bog ein Mann um die Ecke auf die Madison, ein Mann, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er ging langsam wie Alex, nein, noch langsamer, sodass er kühl blieb, kühler als Alex, obwohl er einen grauen Anzug mit Weste trug. Und einen Hut. Sein Kragen blieb weiß, sein leicht gebräuntes Gesicht unter dem Hut trocken. Kein feuchter Glanz, kein Tropfen floss durch eine der flachen Falten. Seine Augen richtete er auf die hellgraue Plattierung. Er setzte seine Füße in den englischen Lederschuhen mit Bedacht, so schien es, solche Eleganz konnte nicht unbedacht geschehen. Oder doch? Guter englischer Stoff. Hält die Hitze fern. Man darf sich nicht zu schnell bewegen. In meinem Alter. Gute alte Sophie, sie kann sie noch vertragen. Ich wäre längst dick geworden. Sollte ich dieses Mal lieber keine Pralinen? Die Sommer werden heißer. Etwas Kühles. Gladiolen? Oder Parfüm? Gladiolen hätte ich besser im West End gekauft. Nein, warte, da gibt es diesen Blumenladen von der wie heißt sie gleich? Wo wir mit David und Iman und Tony Visconti und Brian Eno die Party … Ich komm nicht drauf. Die Hitze … oder das Alter? Ich fühl mich wunderbar. Sie werden sagen: Was, du läufst bei dieser Hitze quer durch den ganzen Park? Tut doch gut … besser als im Auto. Die erkälten sich dauernd … Kein Mensch auf der Straße. Ah, natürlich, eine Touristin. Fehlen der obligatorische Rucksack, die Shorts, Shirt und Sneakers. Die müssen ja. Sie werden auch jedes Jahr mehr. Der Wohlstand. Die Billigflüge. Alex wich freiwillig auf den Bordstein aus, um dem Mann Platz zu einzuräumen. Dem Mann, der sie nicht bemerkte, so rasch war sie ausgewichen. Was hat sie? Warum weicht sie aus? Starren doch sonst die Häuser hinauf und sehen nicht, wo sie hintreten!? Fürchtet sie sich etwa vor mir? Hehe, vor einem englischen Gentleman? Schaue ich für sie aus wie der Schokoladenonkel? Jetzt ging er im Schatten der Hausfassade und Alex in der Sonne auf dem Bordstein. Sie wären gleich schnell gegangen, hätte Alex ihren Schritt nicht verzögert. So bemerkte der Mann nicht, wie sie ihn anstarrte. Bittend. Als er an ihr vorbeiging, kamen seine Krähenfüße nahe. Nahe kamen die schmalen, leicht gebräunten Wangen, nahe die edlen Züge, die Wimpern, die gesenkten Lider, der gestreckte Nacken, die Stärke, die Sicherheit. Und allesamt entspannt, und ruhig. Die Hitzedolche der Autos trafen ihn nicht, meinten ihn nicht, sondern Alex, die sich als Zielscheibe darbot. Aber den Luftschächten wich auch der Madison-Mann aus. Alex öffnete den Mund, ließ die eingeholte Luft aber ohne Ton heraus. Er hob seine Augen zu den Schaufenstern und wurde noch langsamer. Auch Alex lief zögernder, ihr Blick ging hin und her zwischen seiner Figur und seinem Gesicht, das sich in den Scheiben spiegelte. Junges Ding, sieht ängstlich aus auf eine Art, oder gehetzt? Aber die arbeitet doch nimmer hier. Ganz heiß im Gesicht, die arme Kleine. Ganz allein. Und scheu! Musst mir nicht gleich Platz schaffen, Mädchen. Jetzt lässt sie mir auch noch den Vortritt! Ist Raum genug auf dem Gehsteig. Na so was. Was schaut sie denn? Ah, die Kleider! Kannst du dir das leisten, Kind? Steht dir nicht. Die sind nicht hübsch diese Saison. Du müsstest ... Warte, du müsstest was Zartes, Frisches, Buntes tragen. Ja, dann könntest du dich in das Schaufenster dort stellen, brauchst nicht zu zweifeln. Schade, dass so was keinen Stil besitzt. Sollte ihr jemand zeigen. Würd sich wundern, sähe sie sich im Spiegel. Ich sehe ihre großen Augen. Schade, im Schaufenster erkennt man nicht die Farbe. Aber schön groß. Aber … ängstlich, gehetzt, traurig? Liebeskummer? Na, da schaut man anders aus, oder? Oder doch? Kann man sich keinen Reim drauf machen. Großer Gott, jetzt hätt ich fast Geoffrey’s verpasst. Kannst einen alten Mann durcheinanderbringen. Bin noch nicht zu alt, fließt noch Blut durch meine Adern! Aber das ist nicht, was du willst, nicht wahr? Und wen du willst, der will dich nicht, was? Wer weiß, was das für ein Loser ist. Aber für dich ein Held, was? Kennst es nicht besser. Dabei könntest du … Musst dich geschmackvoller anziehen, Kind. Ist das voll hier. Der Wohlstand. Aber bei der Hitze? Da kauft man doch keine Pralinen. Leute, kauft Gladiolen im West End! Wenn ihr nicht gerade bei Sophie eingeladen seid. Schräg hinter ihm blieb Alex auf dem heißen Bordstein stehen, als er die Konditorei betrat. Er stellte sich in die Schlange vor der gläsernen Theke. Einmal ging sein Blick nach draußen aus dem Fenster, Alex drehte sich zur Straße, als wollte sie sie überqueren. Ihr Rücken, den er vielleicht sah, verspannte sich, sie presste die Arme gegen den Körper, darunter quappte Schweiß aus den Poren und quetschte sich in den Stoff. Sie hob die Hand, um sich Tränen und Schweiß abzuwischen, musste dabei den Kopf tief senken, weil sie ihre Oberarme fest an den Leib presste. Was dreht sich das Mädchen da auf dem Bordstein herum? Was sucht sie? Das Metropolitan? - Die weint! – Vielleicht schwitzt sie nur. Wohl kaum um Andy Warhol. Warhol! Ach, das hab ich ganz vergessen! Die … Ich hab den Namen vergessen. Die Pfefferminzpralinen, bitte. Die dort, ja. Nach einer Weile entspannte sie sich und wandte zuerst den Kopf, um in das Fenster zu schauen. Er war an der Reihe, teilte der Verkäuferin, die herzlich lächelte, seinen Wunsch mit und zeigte hinter diese ins Regal. Folglich konnte Alex sich ungesehen ihm zuwenden und zusehen, wie er nickte, als die Verkäuferin eine Schachtel Pralinen hochhob. Alex trat dicht an das Schaufenster heran. Sah zu, wie er zusah, wie das Geschenk verpackt wurde. Ihre Augen waren nicht auf das Paket gerichtet, sondern auf sein Gesicht, das starke, souveräne, edle, das Hilfe und Orientierung bieten konnte, wenn es einen beachtete. So dicht stand Alex vor dem Fenster, dass ihre Stirn dagegen stieß, als sie den Kopf senkte und an ihrem Kleid herabschaute. Ihre Stirn machte kein Geräusch auf dem Glas, hinterließ nur einen fettigen Fleck. Alex starrte den Fleck an, den Mann dahinter, ihr Kleid und den feuchten, dunklen Fleck zwischen ihren Brüsten. Und die beiden dunklen feuchten Flecke, die unter ihren Achseln hervorsickerten. Sie verschränkte ihre Arme vor all den Flecken. Als sie mit diesem flehenden Blick aufsah, drehte sich der Mann im Geschäft um und trat zur Tür hinaus. Danke, auf Wiedersehen. Die ist noch da. Was ist jetzt? Was rennt sie plötzlich? Alex rannte die Madison hinunter. Vielleicht hatte er ihr Gesicht eine Sekunde lang gesehen, den Hilferuf. Sicher das verschwitzte Kleid. Vielleicht sah er der rennenden Frau deshalb nicht nach. Vielleicht sah er ihr nach. Am Ende des Blocks musste sie an einer Fußgängerampel stehen bleiben. Na, wenigstens bleibt sie bei Rot stehen. Kann nicht allzu schlimm sein. Sonst hätte man …Verrückt. Ist doch eine Einheimische. Sie stand eine Weile mit gesenktem Kopf, der sich zur linken, zur rechten Bordsteinkante neben ihren Sandalen drehte. Keine Füße traten neben sie. Ihre Ohren zuckten, aber niemand sprach sie an. Sie wandte sich um. Der Mann war weg. Sie schaute zur Sonnenseite der Madison hinüber, auch da war niemand. Nichts bewegte sich außer dem unablässigen Strom der Autos. Alex senkte den Kopf, wandte sich zur Ampel. Sah nicht, dass sie grün leuchtete. Ihre Schultern hoben sich zuckend. Ihre Lider schlossen sich, quetschten den Film heraus, der sie am Sehen behinderte, öffneten sich, um den Gleichgewichtssinn herzustellen. Um das Taumeln zu beenden, stellte Alex die Beine breit. Sie hob den Kopf, schaute das rote Licht an und überquerte die Straße. 100 °Fahrenheit, 11:00 Uhr morgens.
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