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Lieber Papa Stauffenberg
Eine Kurzgeschichte von Anja Liedtke
Lieber Papa. Du bist jetzt tot. Ich führe dein Tagebuch weiter. Ich besitze sonst kein Papier. Mit deinem Füllfederhalter geht es noch nicht gut. Ich führe dein Leben weiter. Führe ich dein Leben weiter? Du bist Deutscher. Ich bin im Dschungel geboren. Bin ich deutscher Abstammung? Du bist getauft. Ich nicht. Bin ich christlicher Abstammung? Ich glaube nicht an Gott. Seitdem ich über die Evolution und Sigmund Freud gelesen habe, denke ich, dass Gott der schönste Wunsch der Menschen ist. Angeblich glauben wir am Anfang unseres Lebens alle, dass unsere Väter allmächtige Götter sind. In der Pubertät erkennen wir, dass das nicht stimmt. Bin ich in der Pubertät? Jedenfalls erinnere ich mich nicht, dass ich dich für einen allmächtigen Gott gehalten habe. Du hast auch nicht so getan, als ob du einer wärst. Aber du hast mich beschützt, und ich hab mich sicher gefühlt, und es war so, als würdest du alles gut machen. Du hast mich getröstet, und ich war nicht allein und konnte schlafen. All die Menschen, die das in ihrer Kindheit erleben, wollen, dass es bleibt. Wenn sie keinen Vater mehr haben, oder sich der Vater als hilflos oder schlecht erweist, schaffen sie sich einen neuen, und das ist Gott, falls sie von dem lesen, oder ein anderer. Papa, du hast gesagt, du hättest an Hitler geglaubt. War das so was wie ein Gott oder Vater für dich? Du hast gesagt, du wärest enttäuscht und verzweifelt gewesen, als du in Polen erfahren hast, was die SS und auch das Militär mit den Menschen machte. Sind Kinder so verzweifelt, wenn sie erkennen, dass ihre Väter schlecht oder verrückt sind? Jedenfalls schaffen sich die Menschen einen Gott, wenn sie merken, dass ihre Väter nicht oder nicht mehr alles gut und gerecht machen. Weil sie mit dem Glauben aufgewachsen sind, können sie nicht mehr davon lassen, und halten das nicht aus, wenn ihnen Unrecht widerfährt oder Unglück, oder wenn sie allein gelassen werden, dann sind sie verzweifelt und wissen nicht was tun und wohin, und rennen herum und heulen, und wenn sie müde werden, wird alles leer in ihnen, dann legen sie sich hin und fangen an zu träumen, weil sie es anders nicht aushalten, und dann schaffen sie sich Gott, nicht wahr? Es wäre also Zeit für mich. Gott wäre jetzt an der Zeit. Aber ich weiß, dass er eine Wunschfantasie ist. Ich denke, dass die Religionen und ihre Bücher gut sind, den Menschen beizubringen, anderen Menschen nichts anzutun, was sie selber nicht angetan haben wollen, dass sie sich gegenseitig anlächeln, und wenn sie das nicht können, dass sie sich fragen warum nicht. Und wenn sie den Grund gefunden haben, warum sie Angst haben oder aggressiv sind, ändern sie sich vielleicht schon, und wenn nicht, arbeiten sie daran, bis sie lächeln können und ein Lächeln bekommen. Also, die Religion ist gut, um Nächstenliebe und Solidarität und soziales Verhalten zu lernen. Ein Gott ist dazu nicht notwenig. Aber weil sich die Leute ihn wünschen, und weil die Fantasie gute Gefühle macht, schreibt man ihn mit in die Bücher, so haben die Menschen mehr Grund zu tun, was sonst noch drinsteht. In der Natur ist Gott nicht notwendig. Tiere und ich, wir töten, um zu essen. Die Tiere verhalten sich automatisch solidarisch und sozial, weil dies das Überleben der Art sichert. Und das Überleben der Art ist das Ziel der Natur. Gott ist da überflüssig. Die Tiere kennen keinen Gott. Nur wir haben uns einen geschaffen. Mussten wir uns einen schaffen, weil wir als einzige Art nicht von selbst Solidarität üben? Sind wir entartet? Also sind alle Menschen entartet, oder gibt es welche, die sich nicht gegenseitig quälen, demütigen und töten? Was ist mit den Juden? Du sagtest, wir, die Deutschen, haben sich offensichtlich als entartet herausgestellt. Aber du warst dir nicht sicher und hättest gerne gewusst, ob wir, deine Kinder nicht durch deine Erziehung gute Menschen werden, wenn es dir gelänge, uns alles mitzuteilen, was du weißt, von allen Religionen, Philosophien und Völkern Kenntnis zu geben und uns keine Informationen vorzuenthalten oder uns sonst wie in eine einzige Richtung zu erziehen, sondern uns zum eigenen Denken, Zweifeln und Erwägen zu bringen. Hernach, hast du gesagt, würdest du uns gerne zu einem Rabbiner bringen. Der bräuchte unseren Namen nicht zu erfahren, er solle uns prüfen, ob wir gute oder schlechte Menschen wären.
Da ich ganz alleine hier im Dschungel bin, habe ich Gott doch ausprobiert und ihn gefragt, was er von mir hält. Ich hab mich bei allen Verrichtungen des Tages geprüft, ob ich moralisch handele oder nicht. Ich tue es. Ich dachte aber, dass das einfach ist, wenn ich nur mit den Tieren und Pflanzen und der Erde zusammenlebe. Richtige Prüfungen finden unter den Menschen statt. Also der Erde, den Pflanzen und Tieren gegenüber verhalte ich mich moralisch, denn ich nehme nur, was ich auf andere Weise zurückgebe. Ich rode und töte nicht einfach so, einzig, was ich zum Leben und zum Warmhalten und für Ausbesserungen unseres Baumhauses brauche. Gut, dass du mir beigebracht hast, wie das geht, und dass Mama mir Kochen und Endschuppen und Ausnehmen gezeigt hat, bevor ihr gestorben seid. Ich glaube, als Jägerin bin ich mittlerweile besser als du, Papa. Dein fehlender Arm und dein fehlendes Auge haben mich wettmachen lassen. Ja, und dann ist mir noch klar geworden, dass ich mich immer nur selbst beurteile. Ich denke zwar, dass ich das kann, aber man weiß nicht, was man nicht weiß. Du hast dich auch für ehrlich rechtschaffen gehalten, bis du von den Gräueltaten im Osten erfuhrst. Und zuletzt hier im Dschungel überlegtest du, ob nicht auch das Militärwesen Unrecht ist. Du sagtest, dass man es wegen seiner jahrhundertealten Tradition für rechtmäßig und ehrenhaft hält. Weil Menschen aufgrund jahrhundertealter Tradition von klein auf Gänsehaut bekommen, wenn sie Menschen in Uniformen sehen oder eine anziehen dürfen und wenn sie Menschen, die gleich angezogen sind, in Formationen sich bewegen sehen, weil Ordnung ein Grundbedürfnis der Menschen und vielleicht sogar der Natur ist, und wenn sie harmonische Musik hören, weil auch Harmonie ein Grundbedürfnis der Menschen und vielleicht der Natur ist. Aber Uniformen, synchrone Bewegungen, Musik und Sprache schafften Integrität nach innen und Exklusivität nach außen, als wäre man nicht eine Art. Man täte künstlich so, als wäre man von verschiedener Art, wie Panther und Löwen von unterschiedlicher Art sind, was wir an ihrem Fell erkennen. So schaffe man die Legitimität, sich voneinander trennen zu lassen. Und je enger die vermeintliche Art zusammenhockt, desto weniger erfahre man von der anderen und könnte am Ende nicht mehr feststellen, dass es sich nicht um eine andere Art handelt. Können sich die Menschen innerhalb ihrer Gruppe auch nicht selbst beurteilen, Papa? Dann kann ich für mich selber das erst recht nicht. Andererseits ist es wie gesagt einfach gut zu sein, wenn man alleine ist. Denn ohne Gruppe ziehe ich ohnehin keine Uniform an, bewege mich nicht im Gleichschritt, gehe nicht mit auf Märsche und so weiter.
Ich habe noch darüber nachgedacht. Ich täte es auch nicht, falls ich in einer Gruppe lebte. Aber ich täte es nicht, weil du mich so erzogen hast – also, wenn ich jetzt – wie soll ich das erklären? Ich habe deine Uniformjacke angezogen. Sie ist durchlöchert. Ich glaube, da saßen Tiere in dem Stapel Stoffe. Egal, jedenfalls, wenn ich sie jetzt länger anzöge, was nicht geht, weil ich darin nicht jagen kann, und es ist auch viel zu heiß – wie kalt muss es in Deutschland gewesen sein! Also wenn ich sie öfter trüge – und ich finde sie eigentlich schick und finde sie nicht widerwärtig wie du zuletzt – aber nach einiger Zeit, das spüre ich deutlich, wünschte ich mir, auch das blaue oder das orangefarbene Gewand eines buddhistischen Mönches zu tragen. Das hab ich mir nämlich schon gewünscht. Und ebenso hätte ich für mein Leben gern einen großen schwarzen Hut, und ich hätte für mein Leben gerne lange schwarze Locken, und – meine Haare schauen schrecklich aus. Das habe ich jetzt erst bemerkt. Natürlich, Mama bürstet sie nicht mehr, und ich habe es vergessen.
Ich habe versucht, sie zu bürsten. Das geht nicht. Es tut höllisch weh. Ich habe sie abgeschnitten. Ganz ab. Papa, und plötzlich ist mir eingefallen, was du über Auschwitz in Polen erzählt hast. Ich sehe genauso aus. Es ist seltsam. Bevor es mir aufgefallen ist – wie war das? Ich bin durch die Stoppeln gefahren, und es hat sich gut angefühlt. Frei, kühl, es wehte eine leichte Brise durch das Haus. Und es fühlt sich sauber an. Und dann … Ich hatte die Hand noch auf meinem Kopf, da ist es mir aufgefallen, und ich habe keine Luft mehr bekommen. Ich meine, es hat mir den Atem verschlagen – ich weiß endlich, was das ist. Ich meine, Atem verschlagen, ich wusste nicht, was das ist. Und mich hat es geschüttelt, und ich hab Gänsehaut bekommen, obwohl es heiß heute ist, ich war auch ganz geschwitzt, schon die neuen Haare nass. Papa, ich bin jetzt eine von ihnen.
Papa, es rast in mir. So viele Gedanken, dass ich sie kaum hintereinander bekomme. Papa, es tut gut, eine von ihnen zu sein. Ich weiß aber nicht warum. Weißt du das? Ach wärest du hier. Könntest du mich sehen. Wärest du erschrocken? Hättest du Angst vor mir? Würdest du mich von dir stoßen? Nein, tätest du nicht, egal wie ich aussehe, oder? Aber zöge ich deine Uniform an, stießest du mich von dir. Ich weiß es, du wolltest nicht, dass Philipp sie probiert. Na ja, von dir gestoßen hast du ihn nicht, aber … das ist so kompliziert. Und was hättest du früher getan, wenn ich eine andere und du mich? Ach, du hast es gesagt, als ich dich gefragt habe. Du hättest mich versteckt, ich weiß. Aber wenn mich dieser – mir fällt sein Name nicht mehr ein, warte – der Vater des Prinzen von Polen, wenn der mich sähe, was täte der mit mir, Papa? Der hat all diese Kinder – bin ich noch Kind oder Jugendliche? – der hat die doch alle nicht nach ihren Namen gefragt, Papa. Was täte er mit mir? Ich wäre Rauch, Papa. Bist du jetzt auch Rauch? Wo bist du? Bist du bei denen, die Rauch sind?
Was, wenn er, der Vater des Prinzen von Polen – mir fällt der Name immer noch nicht ein – wenn er Rauch aus mir gemacht hätte, und hinterher hätte er erfahren, dass ich deine Tochter bin, was hätte er getan? Ich meine, falls er nicht wüsste, dass du versucht hast, Hitler zu töten, ich meine vorher. Und nehmen wir an, es wäre passiert. Ich stelle mir vor, er hätte einen Moment gestutzt. Hätte er endlich nach den Namen der anderen gefragt? Weißt du, wenn man schon nach dem Namen fragt, fragt man noch ein bisschen weiter und lernt jemanden kennen. Wenn man jemanden kennenlernt, und der ist ganz in Ordnung, und die waren ja alle unschuldig, und Unschuldige, stelle ich mir vor, haben auch etwas Nettes, Freundliches. Irgendetwas gefällt einem an fast allen, denke ich. Obwohl ich die Menschen nur aus Büchern kenne und euch. Aber eben in den Büchern haben alle etwas Freundliches, es sei denn in den Büchern, wo es nur schwarz-weiß gibt. Aber darauf zu achten habe ich von dir gelernt, und mir fällt das tatsächlich auf. Also. Wenn er jetzt zum Beispiel einem Mädchen begegnet wäre, das Wagner singen konnte, oder das seine kleine Hand in seine große gelegt hätte. Oder er hätte einen der Meister des jüdischen Witzes kennengelernt, oder Sigmund Freud oder einen, der mit ihm Karten spielt. Hätte er das können, Papa? Hätte er Rauch aus ihnen gemacht?
Aber Papa, wenn es so gekommen ist mit den Gruppen, mit den vermeintlichen Arten, mit den Völkern und Nationen, können die jeweils anderen noch die eine oder andere fremde Gruppe beurteilen? Sie wissen dann ja eben nicht alles voneinander und verstehen sich nicht. Es ist doch so, ich kann mich vielleicht nicht selber beurteilen, aber wenn ich jetzt zu einem anderen gehe, weiß der nicht alles über mich, und er sieht mich gerade bei einer kleinen Verfehlung und denkt, ich sei immer und in allem so. Zum Beispiel: Mama hat gesagt, ich sei dir wie aus dem Gesicht geschnitten. Und du bist nichtjüdischer Deutscher. (Schreibt man das zusammen?) Also sehe ich aus wie eine nichtjüdische Deutsche. Ginge ich zu einem jüdischen Rabbi, hasste der mich nicht, weil ich aussehe wie eine Deutsche und möglicherweise deutscher Abstammung bin? Womöglich ist er auch noch jüdisch-deutscher oder polnischer Herkunft und ist vertrieben worden und war in Auschwitz und hat dort seine Familie verbrennen sehen. Wird er mich töten, Papa? Ist es richtig, dass er mich tötet, Papa? Wenn wir alle entartet sind, schon, oder? Andererseits glaube ich, dass niemand das Recht hat, einen anderen zu töten. – Jedenfalls nicht, wenn der sich nicht schuldig gemacht hat. Denn du hattest natürlich das Recht und die Pflicht zu versuchen Hitler zu töten. – Jetzt habe ich mich verwirrt. Ich kann nicht weiter denken. Ich hänge den Fisch auf das Lagerfeuer – au weia, ich hab vergessen, das Feuer anzulegen. Oh Papa, bis es fertig ist, bin ich verhungert. Ich werde nie wieder in dein dummes Tagebuch schreiben.
Lieber Papa. Deine Tagebucheinträge besitzen Daten. Ist das nützlich? Ich weiß das Datum nicht. Es ist jedenfalls Winter, und es ist Morgen – keine Sorge, ich war gestern auf der Jagd und hatte Glück. Das reicht für die nächsten Tage. Ich habe die Leber ins fließende Wasser gelegt, wie Mama es machte. Den Rest habe ich in den Baum weitab vom Haus gehängt, damit die Tiere hier nichts riechen. Was ich heute brauche, habe ich vorbereitet. So was wie letztens passiert mir nicht mehr. Ich war ganz schwach vor Hunger und konnte kaum noch essen, als es endlich fertig war. Auf der Jagd entdeckte ich plötzlich den Einstieg der Schneise, auf der du glaube ich, immer in die Stadt gewandert bist. Ich stand auf dem Trampelpfad und habe nachgedacht. Ich habe furchtbare Angst, aber ich will auch gehen. Das Mehl und der Zucker, das Salz und alles, sind ganz ganz lange aus. Ich war ganz ganz ganz lange ausgekommen, aber ... Weißt du, ich meine so ganz ohne kann man doch nicht leben. Und ich denke oft daran, wie ihr Kaffee getrunken habt. Es war gemütlich und hat gut geduftet. Ich möchte mir einen Kaffee kochen. Ich habe mir überlegt, ich hätte die Tiere zählen sollen, die ich seit deinem Tod erlegt habe, so wüsstest du ungefähr, wie lange ich allein lebe. Ich lese schneller als früher, deswegen nutzt es nichts, wenn ich dir sage, dass ich seit deinem Tod hundertneunundachtzig Bücher gelesen habe. Jetzt habe ich noch sechshundertsiebzig Bücher zu lesen. Im Haus, meine ich. Bücher könnte ich auch in der Stadt kaufen, nicht? Aber das hat ein paar Jahre Zeit. Hält das Geld eigentlich so lange? Jedenfalls könnte ich viel von dort gebrauchen. Ich musste die Antilope weit schleppen. Unterwegs habe ich mir viele Gedanken gemacht, aber diesmal habe ich sie alle vergessen. Außer den Rabbi. Ich bin zu dem Schluss gekommen, er wird mich nicht töten. Mir ist eingefallen, du sagtest: zu einem weisen Rabbi. Sind alle Rabbis weise? Es heißt, Gott sei weise. Und Gott tötet keine Menschen – außer seinen Sohn. Folglich wird mich der Rabbi nicht töten – außer, er denkt ich wäre seine Tochter? Papa, könnte ich die Tochter eines weisen Rabbis sein oder werden? Er brächte mir etwas bei. Du sagtest, die Juden lernen viel. Also zunächst beurteilte er mich, wie du es dir gewünscht hast. – Wieso eigentlich ein Rabbi? Ich habe mir gedacht, der Dalai Lama könnte das auch tun, oder? Von dem weiß ich wenigstens, wo ich ihn finde. Entweder in Tibet oder in Indien, oder? Oder auf dem Dach der Welt im Himalaja? Da komme ich genauso wenig hin wie nach Berlin, nicht? Wie weit ist eigentlich was? Du schliefst viermal auf dem Weg in die Stadt und zurück, oder? Wie lange bräuchte ich? Mehr oder weniger? Und ich habe Philipp nicht, der mir beim Tragen helfen könnte. Weißt du, dass Philipp nach zweimal schlafen nach dir gestorben ist? Warum weine ich, wenn ich das schreibe und bei anderen Sachen nicht? Ich verstehe das Weinen nicht. Ich meine, wann man und wann nicht. Es scheint nicht logisch. Ich sage, du bist tot und weine nicht, dann gehe ich vor mich hin und komme zufällig zu der Stelle, wo ich dich stehen sah, als du am Rande der Bäume standest und über die Steppe schautest, und aus deinem Auge liefen Tränen, und da fing ich an zu weinen. Ich meine nicht damals, sondern als ich jetzt dort vorbeikam. So gibt es viele Gelegenheiten, da weine ich, und bei ganz ähnlichen nicht. Verstehst du? Das war jetzt ein schlechtes Beispiel. Wenn ich zum Beispiel noch einmal sage, dass Philipp nach zweimal schlafen nach deinem Tod gestorben ist, fließen keine neuen Tränen. Weshalb nicht, Papa? – Manchmal brauche ich bloß Papa sagen und fang an zu heulen. Oder Philipp. Oder Mama. Ach, jetzt weiß ich, wie ich auf den Rabbi kam. Eben als ich an dem Ort vorbeiging, wo ich dich fragte, warum du da stehst und weinst. Damals sagtest du, dass du uns Kinder von einem Rabbiner gerne beurteilen ließest. Aber vorher sagtest du, du weinst über Deutschland. Weil es weit weg ist?, hab ich dich gefragt, denn ich wusste, dass ihr Heimweh habt. Nein, weil es nicht weit genug weg ist, hast du geantwortet. Du sahst mich ganz lange an, und ich hab dich gefragt … das hab ich vergessen. Aber du hast gesagt, das wird zu kompliziert, da müssen wir ganz von vorne anfangen. Ab heute fange ich an, euch die Weltgeschichte zu lehren. Von vorne, bis zum Ende. Ihr seid alt genug für richtigen Unterricht. Ich versuche, so viele Wissensgebiete wie möglich darin einfließen zu lassen. Wirtschaft, Politik, Psychologie, Religion und so. Du hast mich auf deinen Arm genommen und mich geküsst und gesagt: Aber jetzt gehen wir zu Mama und Philipp, essen. Siehst du, und als ich dich gespürt habe, ich meine in der Erinnerung, da musste ich weinen. Und die Antilope war schrecklich schwer seit Stunden, und die Sonne brannte heiß auf meinen fast nackten Schädel. Da hab ich von dem Rabbi geträumt. Er hat mir seinen weiß-blauen Gebetsschal über den Kopf gehängt und mich in seine Arme genommen und mich geküsst, und er hat etwas gesagt, was ich vergessen habe. Wir sind gemeinsam irgendwohin gegangen. Ich glaube, wir sind einfach zusammen weiter gegangen. Da war ich nicht alleine. Das letzte Stück Weg habe ich nicht mehr gemerkt.
Ich habe mich entschieden. Ich gehe in die Stadt. Ich will endlich Brot essen! Ich fürchte mich.
Ich bin zurück. Fünf Tage. Und ich weiß jetzt das Datum. - Oh nein, es ist gerade in Flammen aufgegangen. Wie kann ich so blöd sein. Ich bin blöd. So was hat auch der Mann im Café Chac Mol angedeutet. Also der Reihe nach. Ich fand das Geschäft, wo du eingekauft hast. Ich erkannte es an denselben Mehlsäcken und Zuckersäcken, aber es gibt ohnehin nur den einen Laden. Sie waren überrascht dort, mich zu sehen, aber nett zu mir und haben mir alles gegeben und Wechselgeld zurückgegeben. Aber sie wollten wissen, wo ich wohne, da tat ich, als verstände ich nicht viel Spanisch. Weil es glatt gelaufen ist und es nett war, woanders zu sein, Häuser, breite Lehmstraßen und massenhaft Schilder, Bilder, Plakate, Leute, Kleider, da bin ich noch durch die Stadt spaziert. Wie ich so gewandert bin, da ging ich ganz anders als sonst. Es ist was anderes, auf richtigen Wegen und Gehsteigen und durch eine Stadt zu gehen. Ich hab mich wie eine Frau gefühlt. Ich dachte an all das, was ich gelesen habe. Ich kam an Tischen und Stühlen vorbei. Es war ein Café. Ich habe mich hingesetzt und Geld herausgeholt. Ein Kellner kam, und ich bestellte Kaffee. Kaffee! Es war köstlich. Ich hab gleich noch Kuchen bestellt und noch mehr Kaffee. Außer mir saß ein Mann auf den Stühlen, ich konnte ihn nicht sehen, weil er eine Zeitung vor sich hielt. In der rechten Ecke oben war ein rotes Quadrat, darin stand Bild, darunter kleiner Zeitung, und die Überschriften waren auf Deutsch. Ich stand leise auf und ging näher hin, um mehr zu entziffern. Ich habe nichts behalten, obwohl ich lange las. Der Mann nahm die Blätter herunter und war erstaunt, mich zu sehen. „Wer bist du“, fragte er auf Spanisch. „Und wie siehst du aus? Hast du Läuse gehabt?“ Ich weiß über Zeitungen Bescheid. Also fragte ich ihn, ob ich die Zeitung haben darf, wenn er damit fertig sei. Gut, nicht? Der Mann redete kurz hintereinander von Lesen und deutschem Akzent und dann langsamer: „Moment“. Er sah mich an und sagte: „Du bist eins von den Stauffenbergkindern, oder?“ Ich sagte nichts. Aber er. „Übernimmst du jetzt die Einkaufstouren?“, fragte er, „Dein Vater war – etwa zwei Jahre nicht in der Stadt. Ich dachte schon, er sei tot oder weg. Ist er?“ Ich hab mit dem Kopf geschüttelt. Ich hatte Angst vor ihm. Ich habe vergessen zu sagen, dass er nicht wie ein Einheimischer aussah. Er schaute lange, wie ich aussehe. Danach fragte er: „Und die Frau Mama? Und die Brüd- verzeih, der Bruder?“ „Zu Hause“, hab ich gelogen. „Na“, sagte er, „in Konversation wärest du zu Hause – in deinem richtigen Zuhause - besser geschult worden.“ Ich sagte nichts. Ich schämte mich ein wenig. „Du wirkst ein bisschen meschugge“, sagte er. „Sprechen Sie Jiddisch“, fragte ich ihn. „Wie kommst du denn darauf“, fragte er. „Na, weil Sie meschugge gesagt haben.“ „Hat sich so eingebürgert“, sagte er, und: „Hör mal, sag deinem Vater, er soll da rauskommen aus dem Dschungel. Wo wohnt ihr eigentlich?“ Ich sagte nichts. „Er hat dir gesagt, du sollst das nicht sagen, nicht?“ Ich habe genickt. „Na schön“, sagte er, „aber sag ihm, er soll da rauskommen. Du, ihr verkommt. Kannst du ihm etwas bestellen, oder reicht dein Intellekt nicht?“ „Doch“, sagte ich. „Na, das ist immerhin etwas. Sag ihm, ich hätte dir gesagt – nein, lass das besser. – Also, wenn ich du wäre, bäte ich deinen Vater jeden Tag auf Knien darum, aus dem Dschungel herauszukommen. Sag ihm, ihr könnt nach Hause fahren. Erfahren die dort, dass er noch lebt, weil wir den Falschen erschossen haben, feiern die den als Helden. Sag ihm das. Ich sagte ihm das schon, aber er scheint es nicht kapiert zu haben. – Oder er fürchtet sich vor uns. Sag ihm, wir tun ihm nichts. Und die Kameraden zu Hause auch nicht. Wir, und die daheim sowieso, stehen auf dem Standpunkt: Leben und leben lassen.“ „Leben und leben lassen.“ „Genau. Du bist doch nicht ganz von Gestern.“ „Den Falschen erschossen?“ „Aha! Fräulein von Stauffenberg wacht auf! – Ja, aber das weiß dein Vater.“ „Was weiß er?“ „Aha, hat er nichts davon erzählt. Na ja, nicht ganz falsch. Der andere zählte auch zu den Hochverrätern, aber … Gott und die Welt denkt, dein Vater ist tot.“ „Gott und die Welt?“ „Oje. – Hör Kindchen. Du solltest auf dem schnellsten Wege zurück nach Deutschland! Egal in was für ein Deutschland.“ „Ich war noch nie in Deutschland.“ „Umso schlimmer.“ „Gibt es mehrere?“ „Mehrere was?“ „Mehrere Deutschlands.“ „Unsinn. Es existiert nur ein Deutschland.“ „Entschuldigung. Ich dachte, weil Sie sagten, egal in was für eines.“ „Gott stehe diesem Kind bei.“ „Herr … wie heißen Sie?“ „Sag deinem Vater, du hättest mit dem Deutschen im Café Chac Mol gesprochen, der weiß Bescheid. Und er soll sich nicht fürchten.“ „Tut er nicht.“ „Natürlich nicht.“ „Wissen Sie zufällig, wo ich einen Rabbi finde?“ „Wie bitte?“ „Einen Rabbiner.“ Er sprach erst lange nichts, wahrscheinlich überlegte er, danach sagte er viel fröhlicher: „Also hör mal, die Rabbiner lässt du besser in Ruhe, ja?“ Ja, ich musste überlegen. Störte es die Ruhe der Rabbiner, wenn ich kurz – und ich störte einen einzigen Rabbi, nicht viele, ich wollte nur – na ja, es dauerte länger, aber ich hätte auch nicht gewusst, was ich sagen sollte. Aber ich wollte wenigstens wissen, ob ich einen finden könnte. – Ich meine, sonst brauche ich nicht darüber nachdenken, was ich sagen soll, oder? Also fragte ich den Mann doch noch. „Sag, was willst du von einem Rabbiner?“ Ich musste mich erst erinnern. „Ich will mich beurteilen lassen“, fiel mir ein. Wie konnte ich das vergessen? „Beurteilen lassen“, wiederholte der Mann. „Genau.“ „Wie kommst du auf die Idee?“ „Es war der Wunsch meines Vaters.“ „Deines - mein Gott.“ Der Mann schaute in den Himmel. Danach kam sein Kopf wieder herunter. „Armes Kind“, sagte er und lange nichts. Er sah mich nur an. „Geh nach Hause“, meinte er. „Geh nach Hause.“ Er war traurig. Ich ging nach Hause. Es dauerte zweieinhalb Tage. Ich konnte nur kleine Mengen Mehl und Zucker und Kaffee kaufen. Und die Zeitung habe ich mitgenommen. Aber ich habe sie versehentlich mit einem der ausgelesenen Bücher gegriffen und Feuer damit angezündet. Ich bin dumm. Jetzt hätte ich fast das Datum gewusst.
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