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Humbert, Humbert
Mein Name ist Lolita. Das ist nicht mein richtiger Name. Humbert hat mich so genannt.
Humbert war nicht der Liebhaber meiner Mutter und nicht mein Stiefvater. Mein Vater lebte noch, und Humbert ist in Wahrheit meiner Mutter nie begegnet. Ich bin nämlich schon als junges Mädchen von Zuhause weggelaufen. Humbert sah mich zum ersten Mal – nein, nicht auf der Wiese im Garten meiner Mutter unterm Rasensprenger, sondern am schnöden Strand von Santa Monica.
Es war früh am Morgen. Noch keine Mexikaner da, deren Männer für einen Dollar Blechdosen einsammelten, deren Frauen die Kinderwindeln im Sand verscharrten, deren Kinder auf mir rumkraxelten und mich nass spritzten. Am frühen Morgen störten mich beim Schlafen die Hunde ihrer reichen Besitzer, die vor mir stehen blieben und an mir herumschnüffelten. Humbert war einer von ihnen.
Humbert war Filmproduzent. Mäßig erfolgreich, aber ein Haus am Strand.
Wie ich nach Santa Monica gekommen bin? Ganz einfach. Bei uns oben im Norden war es morgens neblig und die Nächte kalt. Das bemerkte ich erst richtig, als ich von zu Hause weggelaufen war und im Freien schlief. Vielmehr nicht schlafen konnte. Also bin ich die Küste runter Richtung Mexiko. In Santa Monica war schon genug Mexiko. Zumindest um diese Jahreszeit war es nachts am Strand warm genug zum Schlafen. Ich war nicht die Einzige. Weiter oben am Rande der No.One lagen die Schwarzen. Mir roch es dort zu sehr nach Urin und Essen. Also legte ich mich unten an den Rand der Brandung. Im Herbst musste ich wohl nach Süden ziehen.
Ich war also auf der Durchreise. Ich war tot müde und lag platt wie ein Rochen am Strand. – Von wegen, sie lag auf dem Bauch und ließ die Beine in der Luft hochgestreckt baumeln, oder so. Ich grinste ihn auch nicht an, und ich trug kein hübsches buntes Sommerkleidchen, sondern ausgefranste Hotpants aus Jeans und ein T-Shirt, wo draufstand: Fuck yourself.
Humberts blöder Hund schnüffelte an mir herum, weckte mich mit seiner kalten feuchten Nase und schüttelte sich das Meerwasser samt Sand aus seinem Fell auf mich. Er stank bestialisch und ich schrie angeekelt auf. Humbert stand oben am Strand, sah zu und grinste blöde. Er pfiff gnädigerweise seinen Köter heran und stieg die verwitterten Holzstiegen zu seinem Strandhaus hinauf. Mit verschlafenen Augen sah ich, wie er es sich mit einem Pott Kaffee auf der Terrasse bequem machte und fortsetzte, was er die ganze Zeit gemacht hatte: Mich anglotzen.
Ich hätte ihm am liebsten den Pott Kaffee aus der Hand gerissen. Nein, nicht, um ihn ihm ins Gesicht zu schütten, sondern um ihn in mich hinein zu schütten. Ich hatte eine Gänsehaut vor Kälte und Nässe und mein Kreislauf war unten. Von einem der anderen Strandhäuser zog der Geruch nach Eiern mit Speck und Toast den Strand entlang. Ich dachte, ich sterbe. Ich bohrte meinen Bauch tiefer in den Sand und versuchte weiter zu schlafen. Aber die Sonne störte, nachdem mich der blöde Köter aufgeweckt hatte. Auf allen Vieren kroch ich den Strand rauf unter die morschen Balken, die Humberts Haus stützten. Mitten am Tag gingen die Spinnen darunter ja wohl nicht auf Jagd.
Ich weiß nicht wann, kam Humbert runter. Mit einem Pott Kaffee! Er fragte mich aus. Ich sagte nicht viel. Dann fragte er, ob ich Hunger hätte. Ich sollte mit hoch kommen, er gäbe mir Frühstück. Auf der Terrasse fragte er, ob ich zum Film wollte. Weil ich nach LA gekommen war. Ich lachte ihn aus.
"Wenn du duschen gingst, wenn du weniger schmutzig lachtest, wenn du gerader gingest und säßest, wenn du was Anständiges anzögest ... Du könntest ein breites Spektrum an Rollen abdecken, weißt du?"
Nee, wusste ich nicht.
„Wir könnten eine Menge Geld damit verdienen.“
"Falls dein blöder Film Erfolg hat." Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, wisst ihr? Kennt ihr den Song It never rains in California? Nein? Na, hört ihn euch an!
"Er wird ein Erfolg. Da mach dir keine Sorgen."
"Das sagen sie alle."
"Manche schaffen es. Du zum Beispiel."
"Klar."
"Genau."
Ich guckte ihn mir von unten herauf misstrauisch an. Er lächelte wie ein netter Vati. Den brachte echt nichts aus der Ruhe.
"Aber natürlich nur, wenn ich nicht mit einer Pauschale abgefertigt werde, sondern am Gewinn beteiligt werde", warf ich ihm ins Gesicht.
"Da hast du recht. Du kennst dich aus."
Ich sagte ihm nicht, dass ich das in einem Filmmagazin gelesen hatte. Man muss schweigen können in Kalifornien. Wir alle sind great pretender, wisst ihr?
"Willst du?", fragte er grinsend.
"Will ich was?"
"Die Hauptrolle."
"Hm."
"Na komm. Schlag ein." Er hielt mir seine Hand hin. Sie sah faltig aus. Aber gepflegt und weich. Sah zumindest danach aus. Glatt an der Innenseite, wenn ihr versteht, was ich meine. Saubere Fingernägel. Darauf lege ich Wert. Traue keinem Produzenten mit dreckigen Fingernägeln, wisst ihr? Ich schlug trotzdem nicht ein.
"Was willst du?", fragte er freundlich. Geradezu einladend.
"Wer ich?"
"Wer sonst?"
Geduld hatte er.
"Weiß nicht."
"Dachte ich mir."
"Wieso?", fragte ich, weil ich es wissen wollte.
"Das Wünschen kommt mit den Erfahrungen."
"Mit welchen Erfahrungen?"
"Na mit allen Lebenserfahrungen."
"Ach so." Ich stützte meinen Kopf in die Hand und den Ellenbogen auf die warme Holzplatte. Er tat das Gleiche auf der anderen Seite des Tisches. Er war lieb, wie er mir in die Augen sah, so ... na, ich weiß nicht.
"Also ich mache dir ein Angebot", sagte er.
"Hast du doch schon", sagte ich.
"Na, das reicht dir doch nicht."
"Was noch?"
"Wir tun nichts, was du nicht willst."
Ich hob den Kopf aus der Hand und wurde rot. Ich merkte es daran, wie es heiß im Gesicht wurde. Das kam nicht von der Sonne. Die stand hinter mir.
Es war mir peinlich. Ihm nicht. Er grinste nicht blöde. Er meinte es echt ernst.
"Na schön", versuchte ich leichthin rauszubringen. Er reichte seine Hand über den Tisch hin. Ich berührte erst seine Fingerspitzen. Konnte sein, dass er zu fest zugriff oder mich über den Tisch zog. Machte er nicht. Er hielt still und wartete. Ich ließ nach und nach meine kleine Hand in seine große gleiten. Es fühlte sich echt gut an, muss ich sagen.
*
Er zeigte mir mein Zimmer. Es war eine Wucht mit Blick aufs Meer. Aber das zeigte ich nicht. Ich meine, dass ich es klasse fand. Er fragte, ob ich es gewohnt sei zu lesen.
"Klar", sagte ich. Er drückte mir das Skript in die Hand. Diesbezüglich hatte er nicht gelogen. In den nächsten Stunden würde ich feststellen, ob die Story gut war. Ich glaubte nicht daran.
Er fragte noch nach meinen Eltern. Weil unter 21 müssen die die Verträge für einen unterschreiben. Ich wollte ihm meinen Namen nicht verraten. Er hatte ja einen für mich: Lolita.
Er kriegte es aus mir heraus. Meine Eltern waren begeistert. Ich war enttäuscht von ihnen, muss ich zugeben. Sie behaupteten, sie wären stolz auf mich. In Wirklichkeit waren sie geil auf den Ruhm. Ihre Tochter und so. In Wahrheit wollten sie mich loswerden. Zwei Fliegen mit einer Klappe und ein Esser weniger. Guter Deal für sie.
*
Humbert redete mit mir über die Rolle. Er stellte mich unter die Dusche und meinte: "Sehr schön." Ich sollte mich bewegen. "Nein", meinte er, "das ist zu aufgesetzt. Du musst fühlen, was du tust."
"Ich fühle, wie ich mich bewege."
"Nein, das tust du nicht."
"Tu ich wohl."
"Tust du nicht."
"Tu ich wohl."
Er schüttelte den Kopf und machte mich wahnsinnig. Ich stritt mit ihm, ich schrie ihn an, bis ich müde wurde und den Kopf hängen ließ. Das Wasser floss mir drüber, meine Haare flossen mir durchs Gesicht, ich zitterte vor Zorn und Müdigkeit am ganzen nackten Körper und hatte eine Gänsehaut.
"Komm da raus", sagte er ruhig und sanft. Ich glaube, er meinte damit noch mehr als aus der Dusche.
"Na komm."
Mit hängendem Kopf trat ich über die Schwelle. Nass wie ich war, zog er mich vorsichtig in seine Arme, legte meinen Kopf an seine Schulter unter sein glatt rasiertes Kinn, strich mir die nassen Haare aus dem Gesicht und streichelte mir den Rücken. Ich machte sein Hemd nass, aber das störte ihn wohl nicht. Als ich aufhörte zu heulen und verspannt zu sein, griff er, ohne mich loszulassen, nach einem Handtuch und trocknete mich ab. Es war toll, wie er das tat. Er kniete sich sogar vor mich, um mir die Füße abzutrocknen. Hernach wickelte er mich in seinen flauschigen, weißen Bademantel, hob mich auf seine Arme, trug mich auf meinen Lieblingsplatz auf die Terrasse und setzte sich auf die Rattancouch. Er legte mich über seinen Schoß und hielt mich in seinen Armen, mein Kopf auf seiner Schulter unter seinem Kinn. Er roch nach Egoiste.
"Ruh dich aus. Es ist genug für heute."
"Bist du enttäuscht?"
"Nein, gar nicht."
"Bist du wohl."
"Nein, bin ich nicht. Ich führe dich bis an deine Grenzen. Und deine Grenzen erweitern sich jeden Tag. Also bin ich zufrieden."
"Das verstehe ich nicht."
"Du bist unzufrieden, weil du nicht merkst, dass du heute weiter gekommen bist als gestern und gestern weiter als vorgestern. Du siehst dich jeden Tag vor einer neuen Grenze scheitern. Ich sehe mehr."
Ich war total durcheinander und müde und ließ es gut sein und mich von ihm in den Schlaf streicheln.
*
Humbert kaufte mir Kleider – ich meine richtige Kleider, für den Abend und so. Und er scheute sich nicht mit mir auszugehen – ich meine richtig ausgehen zum Candle-Light-Dinner am Malibu Beach bei Geoffrey’s auf der Terrasse, unter der der Ozean gegen das Ufer klatscht. Er bestellte Champagner und schaute mich über die Karte hinweg an wie eine richtige Dame, und er behandelte mich auch so. Während er stundenlang das Menü studierte, schaute ich mich an den anderen Tischen um, wie sich die älteren Damen benahmen. Ich meine, nicht, dass ich das noch nicht gewusst hätte, bloß die Details musste ich mir abschauen, um sie zu spielen – nein, ich meine, zu fühlen. Ob ihr es glaubt oder nicht, es klappte vorzüglich. Ich fühlte es! Und es fühlte sich gut an. So gut, dass ich ganz euphorisch wurde und kaum auf meinen vier Buchstaben sitzen konnte. Es kribbelte, so gut fühlte sich das an. Ich hatte nämlich gesehen, dass und wie die Ladys ... nun, zum Beispiel fühlten sie den Satin und die Seide auf ihren Schenkeln, die fast nie zur Ruhe kamen. Eben weil bei der Unruhe die Seide so schön hin und herrutschte. Das schien sogar ihre Stimmen angeregter steigen zu lassen, obwohl sie scheinbar nichts von der Seide merkten, nicht einmal von ihren Beinen und was ihre Beine unterm Tisch taten. Beim bloßen Zusehen wurde man schon selbst ganz aufgeregt. Es war richtig ansteckend. Ich machte es eine Weile nach und – ja, es funktionierte. Ich fühlte es auch ...
Als mein strahlend glücklicher Blick zu Humbert zurückkehrte, bemerkte ich erst, dass er mit der Karte fertig war und mich beobachtete. Ich wurde mal wieder rot, was unter der Hitze der Heizstrahler aber auch nicht schwer war, und schlug die Augen aufs weiße Tischtuch. Aber wenigstens drehte ich dabei den dünnen Stiel des Champagnerglases zwischen meinen Fingern.
Ich wartete auf eine blöde Bemerkung von Humbert, ... ich wartete lange. Aber sie kam nicht. Ich dachte mir, ich schaue mal auf, um nachzusehen, wo sie bleibt. So ganz vorsichtig von unten ... Da sah er mich immer noch an und lächelte. Er grinste nicht! Ich atmete erleichtert auf und streckte mich.
Als er seine Hand auf meine legte, dachte ich, es käme noch was Mitleidiges oder so, ich holte es mir geradewegs aus seinem Gesicht ab, so schaute ich ihn an, aber er sagte nichts. Er saß ruhig, mit sich und der Welt zufrieden da, lächelte mich an und hielt meine Hand. Eine Sekunde lang glitt mein Blick zur Seite zu den anderen. Die anderen Männer hielten ebenfalls die Hände ihrer Frauen. Ich gehörte also dazu. Es ist ein gutes Gefühl dazuzugehören, wisst ihr. Egal wozu, Hauptsache dazugehören.
Zuletzt warf ich noch einen Blick auf meine Hände – sie waren okay, glaube ich, kindlich, aber die Nägel mandelförmig geformt, nachdem ich sie wochenlang mit der Feile bearbeitet und nicht mehr mit der Schere geschnitten hatte. Entspannt und stolz lehnte ich mich zurück und ließ meine Hand unter Humberts fortgleiten. Sein Lächeln verstärkte sich eher, während ich meine Aufmerksamkeit dem beleuchteten Ozean und den Lichtern der Malibu-Lagune zuwandte. Es sah schön aus. Um nicht zu sagen umwerfend. Ich hatte bis jetzt keine Zeit gehabt, das zu bemerken. Und nicht den Sinn. Endlich kehrte Ruhe ein in mir, endlich konnte ich entspannen. Ich weiß nicht, warum ich mich gestresst und genervt fühlte. Eine Hetze war in mir gewesen.
Beruhigend wirkte der angeblich Stille Ozean nicht. Erstens ist er nicht still, sondern wabert, schaukelt und klatscht die ganze Zeit, zweitens steckt er einen damit an. Er regte mich auf. Vielmehr an. Wasser soll anregend sein. Jedenfalls für den Kreislauf beim Baden. Mein Kreislauf funktionierte ausnahmsweise vorzüglich. Meine Füße wurden warm und schwollen in den Schuhen, die ich heimlich unterm Tisch auszog. Humbert bemerkte mein Rumfummeln da unter der Decke, hob sie hoch, sah, was ich tat und lachte. Aber er lachte mich nicht aus. Es klang eher angeregt. Nun, er geht gern im Meer baden. Es schien ihm nichts auszumachen, dass meine Hand feucht wurde. Ich wollte sie zurückziehen, er behielt sie bei sich und streichelte sie. Es schien als lächelte er noch freundlicher, als er den Schweiß bemerkte. Es war mir nicht mehr peinlich. Zumal er sein Taschentuch zückte, um sich seinerseits den Schweiß von der Stirn zu wischen, was mir bei ihm gefiel. Er bat den Kellner, den Strahler niedriger zu stellen. Dadurch wurde das Licht schummrig, und Humberts Augen glitzerten genauso wie die Wellen an den Stellen, wo die Lichter hinfielen. Es sah toll aus. Geradezu aufregend.
Es wurde ein angeregter Abend. Wir lachten viel. Vielleicht zu viel für unsere Nachbarn. Aber die Kellner lächelten und sagten nichts. Wir lagen fast unter dem Tisch. Um die langweiligen Leute nicht zu stören, sind wir lieber an den Strand gegangen und Hand in Hand am Strand entlang mit den Füßen durchs Wasser, die Schuhe und den Saum meines Kleides in der anderen Hand, die weite Strecke bis zu uns nach Hause. Als wir endlich ankamen, fiel ich gleich ins Bett. Humbert zog mich aus, deckte mich zu, gab mir einen Gutenacht-Kuss, löschte meine Lampe und schloss die Tür. Wie sich seine Schritte leiser werdend entfernten, wurde die Welt um mich herum leiser und entfernter, und ich entfernte mich für heute aus dem Leben.
Früher konnte ich nie einschlafen. In dieser Nacht schlief ich zum ersten Mal. Vielleicht musste ich schlafen, um hinüberzugleiten in einen anderen Lebensabschnitt, den ich erst bemerkte, als er begonnen hatte.
*
Humbert wurde immer zufriedener. Mit meinen Gesten, meiner Mimik, meinen Bewegungen – er schaffte es sogar, mir eine bessere Sprache beizubringen. (Ob man das hier merkt, weiß ich nicht. Hier quatsche ich mich aus wie eh und je, okay?)
Ich aber wurde nicht zufriedener, sondern nervöser. Es war nicht so, dass ich schlechte Laune gehabt hätte. Im Gegenteil. Oft musste ich total unmotiviert lachen. Dann kriegte ich die Probeaufnahmen zu den traurigen Szenen nicht hin. Humbert war nicht sauer. Im Gegenteil. Manchmal lachte er laut heraus, krümmte sich mit mir vor Lachen, mitunter lächelte er und schüttelte den Kopf. "Du bist überreizt, Kleines", pflegte er zu sagen und die Kamera anzuhalten. Gott sei Dank war noch kein Film drin, sonst hätten diese Probeaufnahmen Millionen gekostet. Er ließ sie laufen, um mich daran zu gewöhnen, während ich gleichzeitig alles lernte. Erst wenn es saß, drehte er die eine oder andere Szene.
Manche Szenen in dem Skript verstand ich nicht. Das heißt, ich verstand sie, aber Humbert behauptete, ich verstehe sie nicht.
"Da gibt es nicht viel zu verstehen."
"Gibt es. Und nun gib Ruhe."
"Warum erklärst du sie mir nicht?"
"Weil du sie erfühlen musst, um sie zu begreifen."
"Was soll ich tun, um sie zu fühlen?"
"Abwarten."
"Abwarten?"
"Genau."
"Wie lange?"
"Bis du so weit bist."
"Wann wird das sein?"
"Das weiß ich nicht."
"Das weißt du nicht?"
"Nein."
"Na großartig. Du bist ein Regisseur!"
"Ja, nicht wahr?"
"Angeber."
Er grinste vor sich hin.
"Das kann eine Ewigkeit dauern."
"Nein. Eine Ewigkeit dauert länger."
Er sagte es ruhig und gelassen, schaute über den Ozean, den man unendlich nennt, obwohl er es nicht ist.
"Was ist, wenn ich es nie erfühlen werde?"
"Wirst du."
"Woher willst du das wissen, wenn du nicht weißt, wann?"
"Ich weiß es."
"Warum?"
"Weil ich an dich glaube. Du erweiterst jeden Tag deinen Horizont ... Was ist?"
Ich starrte ihm in seine warmen Augen, während wir auf dem Rattansofa auf der morschen Terrasse saßen und uns den Wind um die Nasen blasen ließen.
"Sag das noch mal", bat ich ihn.
"Du erweiterst jeden Tag deinen ..."
"Nein, das vorher."
"Ich glaube an dich."
Ich starrte ihn eine Ewigkeit an. Er schaute warm und ruhig zurück und fragte nicht wieder: Was ist? Am liebsten hätte ich ihn gebeten, es ein weiteres Mal zu wiederholen. Vielleicht hätte ich euch erklären können, was daran so besonders war. Ich weiß es nicht. Es war ...warm. Das ist Quatsch, aber es ging warm durch mich hindurch, ich meine nicht von vorn nach hinten, sondern von oben nach unten. Es kam durch meine Augen und durch meinen Mund herein. So war es. Und weil nicht genug Platz in meinem Inneren war, musste ich einatmen, um mich zu weiten. Ich meine, meine Lungenbläschen und meine Adern oder Venen oder beides. Genauso war es. Hernach war das Glück in mir, und es musste raus aus mir. Ich wusste nicht wohin damit, nur raus. Was lag näher, als es da raus zu lassen, wo es hineingekommen war? Also aus den Augen und aus dem Mund. Ich beugte mich vor und küsste Humbert zum ersten Mal. Auf die Wange. Und weil nicht alles draußen war, küsste ich ihn auf den Mund. Er war erstaunlich weich. Wie die Nüstern eines Pferdes. Nichts ist weicher. Und warm. Ich musste es noch einmal tun. Um genau zu sagen ... Ich vermag es immer noch nicht. Ich weiß es immer noch nicht. Weil, das ist jetzt kompliziert. Man kann es nicht wiederholen. Inzwischen geht es weiter. Zum Beispiel rutschte mir die Zunge zwischen seine Zähne. Ich schwöre, ich tat es nicht mit Absicht, etwa weil ich es in den vielen Filmen gesehen hätte, die ich mir zum Lernen reinzog. Nein, denn da wird in Wirklichkeit nicht geküsst. Der Mann legt seinen offenen Mund vielmehr auf das Kinn der Frau und drückt ihre beiden Lippen fest zusammen und nach oben unter die Nase. Dann sieht es aus als ob. Auch das probierte ich mit Humbert, keine Frage, ich schleckte sein Kinn ab, aber jetzt, da meine Zunge in seinen Mund flutschte, da..., es passierte ganz einfach. Ich hatte wahrscheinlich gleichzeitig küssen und atmen müssen und den Mund aufgemacht. Auf jeden Fall war meine Zunge drin.
Humberts Zähne fühlen sich glatt und hart an. Aber ich glaube, er hat noch keine künstlichen. Sie sind eben so. Dahinter wurde es unglaublich weich. Überall und rundherum. Und feucht. Na ja, das wisst ihr alles, sorry. Aber für mich war es erstaunlich. Humbert schmeckte nach nichts. Das gefiel mir. Das Nichts. Noch mehr gefiel mir, dass seine Zunge in Bewegung geriet, denn das heißt, dass Humbert selbst in Bewegung geriet, oder? Und ich war es, die ihn bewegte. Sein Körper bewegte sich auch. Vor allem sein Schoß unter mir. Vielleicht wurde ich langsam zu schwer in meinem Alter. Aber er hieß mich nicht aufzustehen, sondern zog mich näher zu sich hin. Ein bisschen bekam ich Angst. Vor seiner Zunge. Ich hatte gehört, manche stecken sie dir in den Hals. Aber Humbert tat das nicht. Er streichelte meine Zunge mit seiner. Ich hatte doch die ganzen Wochen gemerkt, das da noch was kommen musste. Das Streicheln seiner Hände hatte mir lang nicht mehr gereicht.
Humbert, als ich ihn zum ersten Mal küsste, lange und intensiv, weil es weiter ging, nicht aufhörte, dass ich neue Entdeckungen machte und nicht anhielt, um endlich genau zu erklären, was passierte, Humbert atmete schwer auf. - Das war alles. Seine Hände hingen hilflos in der Luft neben mir, solange er es über sich ergehen ließ. Er atmete vor sich hin. Mit geschlossenen Augen. Als ich aufhörte, öffnete er seine Augen – und sah dümmlich aus. Aber süß. Ich meine, Haschischraucher sehen dümmlich aus nach einem Joint, aber nicht süß. Und Humbert war ganz in dieser Welt, ganz bei mir und nicht in sich wie Haschischraucher. Ich fand das ... na eben süß. Ich lächelte ihn an, er lächelte zurück. Erst dümmlich, hernach intelligenter. So war Humbert.
Als ich das das erste Mal gemacht hatte, stand ich auf und kochte Kaffee. Humbert blieb sitzen. Ich weiß das, weil er noch da saß, mit geschlossenen Augen, den Kopf auf die Nackenstütze zurückgelehnt, als ich mit dem Kaffee wiederkam. Er lausche dem Meer, sagte er, als ich ihn fragte, und dem Blut in ihm. Mein Blut fühlte ich ebenfalls, muss ich sagen, darum interessierte ich mich für seins, das er offenbar gleichfalls hörte. Ich setzte mich daneben, wir tranken Kaffee, redeten über das Meer und das Skript.
*
Als ich es das nächste Mal tat, blieben seine Hände nicht hilflos in der Luft hängen, sondern legten sich um meine Taille, was noch mehr Wärme in mich hinein und hinaus fließen ließ. Seine warmen Hände hielten mich, als ich aufstehen wollte, um Kaffee zu kochen. Es muss einen Tag später gewesen sein. Humbert sorgte fürs Essen, ich für den Kaffee.
Diesmal sollte ich nicht sorgen, sondern bleiben. Er zog mich näher zu sich, sodass sich unsere Brüste berührten. Um es mir bequemer zu machen, schlug ich meine Beine über seine und robbte auf seinen Schoß. Er atmete auf. Seine Brust wurde noch viel weiter als so schon. Ich meine, seine war viel breiter als meine. Mit seiner Brust und seinen Armen konnte er mich fast zweimal umschlingen. Und er drückte mich fest, ganz langsam, dass ich sein Herz schlagen fühlte. Mein eigenes fühlte ich komischerweise weiter unten. Es pochte. Wirklich. Und es hatte nicht genug Platz. Natürlich. Das Herz ist ein viel größeres Organ als die rote Bohne da unten, die, so schien es, zu einer Dickebohne erwachsen wollte. Ich ließ ihr mehr Raum zum Wachsen, indem ich aufhörte, meine Schenkel zusammenzupressen. - Was ich tat wegen des Kribbelns und Pochens. Dann wurde es besser. Aber feucht. - Was ich erst spürte, als Humberts Hand mein Höschen berührte. Er schien ebenfalls mehr Platz zum Wachsen zu brauchen, denn er öffnete seine Schenkel unter mir. Aber mein Hintern rutschte nicht dazwischen. Etwas Hartes hielt mich auf. Um mich hochzuhalten, hob Humbert wohl seinen Schoß ab und an und drückte sein Hartes gegen mein Weiches. Ich liebte es, wenn seine große Hand mein Knie umschloss und über meinen Schenkel streifte. Er fühlte sich so groß an, und ich mich so weich.
"Steh auf", sagte er. Ich dachte, er schickt mich weg.
"Zieh dich aus", sagte er. Ich tat es.
Er betrachtete mich eine Weile, er legte seine warmen, großen Hände auf meine Hüften, zog mich zu sich und küsste mich auf den Bauch. Der zuckte, Humbert lachte. Währenddessen legte er seine Hand um mein Knie und streifte meinen Schenkel hinauf. Aber da war kein Höschen mehr. Er berührte meine Schamlippen, was mich atmen und einknicken ließ. Er fing mich auf und setzte mich auf seinen Schoß. Ich fiel gegen seine Brust, in seine Arme, weil mir der Kreislauf wegsackte. Mir ging es nicht gut, es kribbelte in meinen Lippen, unter meinen Wangen, ich fühlte mich schwach. Auf den Beinen hätte ich nicht stehen können. Sie gaben wie Gummi unter seiner Hand nach, die meine Schenkel öffnete und sich meiner Scham näherte. Dieses Mal lagen keine Schamlippen davor, ich meine vor der ganzen Feuchtigkeit über dem pochenden Herzen, das unter seiner Hand dicker wurde, dass ich Angst bekam, es platzte, dermaßen pochte es. Es fing an wehzutun, weil nicht genug Platz vorhanden war. Deshalb öffnete ich noch mehr meine Beine. Das half. Zumindest als Humberts Finger langsam und vorsichtig, Millimeter für Millimeter in meine Vagina eindrang. Nicht so weit, dass er mich entjungferte. Das tat er erst, während ich zum Orgasmus kam.
Er sagte später, er habe es so gemacht, damit ich den Schmerz nicht spürte.
Das war lieb von ihm.
Inzwischen habe ich von meinen Kolleginnen am Set gehört, dass es nicht für alle derart schön war. Man kommt halt drauf, wenn während der langen Kaffeepausen nichts zu tun ist als auf seine nächste Szene zu warten. Für Humbert haben mich alle beglückwünscht. Von den Frauen am Set besaß ich das beste erste Mal.
Er trug mich in sein Bett und schlief mit mir. Von da an wollte ich jeden Tag mit ihm schlafen. Ich war unersättlich. Manchmal lachte er darüber. Ich fragte ihn, ob er mich auslachte. Dann sagte er: "Nein, mein Kleines. Ich freue mich, dass ich dir einen guten Start ins Leben gegeben habe."
*
Ich habe das nicht vergessen. Als wir bei der Premiere in der ersten Reihe nebeneinandersaßen und The End auf der Leinwand erschien, da ging mir ein Licht auf, noch bevor das Licht im Kino anging und der Applaus begann. Ich beugte mich zu Humbert über die Lehne und steckte meinen Mund in seine grauen Haare. "Du hast mich für den Film genommen, oder?"
Ich zog meinen Kopf zurück, um sein Gesicht zu sehen, und weil es mir nicht gut im Magen ging. Humbert wartete, bis das letzte Bild auf der Leinwand verschwand, und das Flimmern begann. Da beugte er sich über die Lehne, steckte seinen Mund in meine Haare – die nach Haarspray stanken – und sagte: "Umgekehrt, Kleines."
"Was?"
"Ich habe dieses uralte Skript aus der Schublade gezogen, als ich dich traf."
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